Donnerstag, 8. Juli 2010

Amazonien

Wie ich im vorherigen Eintrag andeutete, war ich die letzten Tage im peruanischen Amazonasgebiet unterwegs. Bettina hatte ihren Jahresurlaub zusammengeklaubt, kam rübergeflogen und wir trafen uns in Lima. Nachdem wir uns die ersten WM Vorrundenspiele angeschaut hatten, stiegen wir in den Inlandsflieger nach Iquitos. Die 1500km waren in 1,5h gegessen und nach dem überraschend kühlen Klima in Lima (12 Grad) stiegen wir bei 38 Grad in der östlichsten Großstadt Perus aus.

Reiseroute

Flusshäuser in Iquitos

Ausblick von der Promenade

scheint wohl auch in Iquitos ein Problem zu sein (Scheiß-Touristen!)

Und im Amazonas ist alles anders!! Die Hitze in Verbindung mit der Luftfeuchtigkeit (90%) erscheinen wie ein Open-Air-Dampfbad ohne Notausgang. Die ersten zwei Tage habe ich mich eigentlich nur von Ventilator zu Ventilator gehangelt, um nicht zu hyperventilieren. Da war selbst das Zuschauen beim Fussball anstrengend. Betty kam mit den klimatischen Umständen eigentlich ganz gut klar. Allerdings bot Iquitos, diese angeblich 400.000 Einwohner-Stadt, auch nicht wirklich viel sehenswertes. Vom "Las Vegas des Dschungels" haben wir nichts mitbekommen, allerdings auch nicht danach gesucht. Die Promenade bietet einen wundervollen Ausblick, die "Stelzenstadt" bzw. Armensiedlung Belen der Stadt mit dem schaurig-schönen Tagesmarkt beeindruckten, aber sonst ist eigentlich nicht viel los in Iquitos.

die Selva ist berühmt für ihre Tabakprodukte, hier auf dem Markt in Iquitos

Am meisten war ich vom wichtigsten Binnenhafen Perus überrascht, der architektonisch eigentlich gar nicht existent ist. Der größte binnenmarine Umschlagplatz des Landes ist ein mit Holzbolen überspannter, schlammiger Aushilfsanlegeplatz. Keine Becken, keine Kais, keine Molen. Eigentlich nur Schiffe die wild am Ufer liegen und deren Fracht über Holzbolen gelöscht wird. Am Touristenhafen sah es auch nicht anders aus, außer das es dort eine Menge "Snackstände" gab, die einheimische Leckereien wie Suris (gegrillte Maden), gekochte Schildkröteneier oder Affenkopfsuppe anbieten. Aus Artenschutzgründen probierte ich allerdings nur Erstere.

Suris, noch roh

der Hafen von Iquitos


Ansonsten folgt die Zeit in Amazonien einem anderen Rhythmus. Uhren werden von den Einheimischen kaum getragen und so scheint es, als gäbe es die physikalische Größe Zeit im Amazonas gar nicht. Alles läuft ruhig und gelassen ab. Dagegen erscheint der Rest Perus fast schon hektisch. Von daher ist es für die Reise nach Amazonien ratsam nicht zu sehr an einem Zeitplan zu hängen, denn es kommt eh anders als geplant. Die Abfahrt unserer Fähre wurde 5min vorm Ablegen (nachdem wir schon 3 Stunden an Bord gewartet hatten!) abgesagt und um 24h verschoben. Dafür sicherte uns der erste Maat unsere Logenplätze für den nächsten Tag. Und nach der kleinen Verzögerung konnte der für mich schönste Teil der Reise beginnen. Zweieinhalbtage auf der Fähre den Amazonas und seine Nebeflüsse flussaufwärts. Ein Traum!! Endlose grüne Weiten, scheinbar fernab der sogenannten Zivilisation, immer wieder kleine indigene Dörfer am Ufer mit Bewohnern die das Schiff freudig begrüßten.






Das Boot war eine Personen- und Warenfähre der "Eduardo" - Gesellschaft. Drei Decks, wobei das Erste ausschließlich für Waren bestimmt, das Zweite hoffnungslos mit Menschen überfüllt, das Dritte hingegen nur bis zur Hälfte mit Hängeplätzen und einem Foliendach bestückt war. Die Küche befand sich auf dem Zwischendeck und wenn man keine Lust auf Hängematten hatte, konnte man sich zum doppelten Preis auch in eine der etwa 10 Privatkabinen mit Doppelstockbett einmieten. Allerdings herrschte in den kleinen Kabinen tagsüber eine Demse die nicht zum Aushalten war. Wir hatten uns günstig Hängematten besorgt und einen Platz auf dem Oberdeck mit einer traumhaften Aussicht gesichert. Die Reise von Iquitos nach Yurimaguas dauert 3,5 Tage und kostet 60sol (ca. 18€). Im Preis inbegriffen sind Frühstück (immer Milch-eher Wasser-reis, belegte Brötchen und Kaffee) sowie Mittagessen (immer Reis, Kochbananen und Hühnchen).

das Zwischendeck

unsere Logenplätze

Bordfrühstück

ohne Worte

Die Küche kündigte Essenfassen mit klassischem infernalen Klopfen an, welches metallen durch das ganze Schiff dröhnte. Interessant fande ich, dass die Küchenarbeit auf den Amazonasdampfern hauptsächlich offensichtlich Transsexuellen/Homosexuellen vorbehalten war und sich niemand daran störte. Im oftmals machistischen und sonst eher homophoben Perú leider keine Selbstverständlichkeit! Im Gespräch sagte mir einer der Maats, dass die Küchenjungs eben für diese Arbeit prädistiniert seien, weil sie einerseits gut kochen könnten und andererseits stark genug seien, um beim Löschen der Schiffe mit anzupacken. Jedenfalls war die Küchencrew eine respektierte Institution, denn sie sorgten mitten im Nirgendwo für die Verpflegung des ganzen Schiffs. Wem die Bordkost allerdings zu eintönig wurde, konnte sich bei einem der zahlreichen Zwischenstopps auch alternativ versorgen (frisch gebratener Fisch, Obst, Gemüse). Die Bäder der Fähre waren in einem einfachen, aber doch überraschend sauberen Zustand.

lecker Zwischenmahlzeit


Die einzigen Möglichkeiten das Schiff kurz zu verlassen waren die doch recht zahlreichen Zwischenstopps in den kleinen Gemeinden, die am Flussufer lagen und in denen Fracht und Passagiere zu- bzw. abgeladen wurden. Allerdings wusste man nie genau wie lange die Fähre dort vor Anker lag und das Signal zum Ablegen konnte bedeuten, dass in 5 Minuten, aber manchmal auch erst in einer halben Stunde abgelegt wird. Es war also sicherer an Bord zu bleiben, wenn man nicht einen unfreiwilligen Aufenthalt im amazonischen Nirgendwo einlegen wollte. Und so schipperten wir zwei entspannte Tage, in denen alles außerhalb unserer organisatorischen Kontrolle lag, erst den Amazonas und später den Río Marañón hinauf und genossen die Natur, die sich in endlosem grün und mit unglaublichem Sound von seiner scheinbar unberührten Seite zeigte. In Lagunas legten wir einen Zwischentstopp ein, um direkt in das grüne Herz des Regenwaldes vorzustoßen.

mystische Amazonasdörfer

Lagunas ist ein kleiner Ort, der am Ufer des Marañón und an der Westseite des größten Naturschutzgebietes Perus Pacaya-Samiria liegt. Von dort aus die Führung zu machen lag einem Geheimtipp zu Grunde. In Iquitos gibt es ein unübersichtliches Angebot von Touristenguides, die aber alle zu überhöhten Preisen ihren Service anbieten. Zudem befindet sich um Iquitos herum kein geschütztes Reservat, so dass es schon einmal vorkommen kann, dass auf der Tourspeisekarte gefährdete Tiere (Affen, Schildkröte, Vögel) stehen. In Lagunas hingegen gab es nur ein (!) weiteres Touripäarchen und mit dem Anbieter Ayawaska-Tours konnten wir sicher sein, dass ökologisch alles einwandfrei abläuft. Schließlich ist der Chef-Guide Cleber schon seit 30 Jahren im Geschäft und die angestellten Guides nebenbei noch Parkhüter.

Fischer im Nationalpark

Wir buchten das Basispaket, eine 3-Tages-Tour mit 2 Guides, Übernachtung in einer Cabaña (Holzhütte im Regenwald) und Verpflegung. Und so ließen wir uns in einem Einbaum von Harry und Josue in den peruanischen Regenwald entführen. Den ersten Tag legten wir ca. 5h im Boot zurück und übernachteten in besagter Cabaña, die mit Küche und einem Bad mit Toilette und Dusche ausgestattet war. Harry und Josue kochten für uns und wir konnten die Dämmerung im Regenwald genießen.

Dschungelverpflegung

Ein Konzert von tausend Tierstimmen, wobei verschiedene lautstarke Riesenfrösche eindeutig die ersten Geigen spielten. Ergänzt wurde das vielstimmige Quarken von Vogelarien, Grillenconcertinos und zeitweiligem Affengebrüll. Dabei blieb das Orchester im Verborgenem und es schien als würde das uns umgebende dichte Grün seine eigene riesige wilde Soundmaschine sein. Leider konnten wir diese einmalige Stimmung nicht lange genießen, denn ab 18 Uhr fielen apokalyptische Heerscharen von Moskitos über uns herein. Winzig klein, aber millionenfach stürtzten sie sich auf uns, stachen durch unsere langen Hosen und Sweatshirts, die wir zum vergeblichen Schutz bei 30 Grad trugen, und machten uns ein weiteres genießen des Open-Air-Konzert unmöglich. Wir taten es unseren Guides gleich und verschwanden in unserer moskitosicheren Koje. Immerhin wiegten uns die Tiergesänge noch in den Schlaf.

Josue mit dem Mittagsfang

Früh zu Bett gehen war auch keine schlechte Idee, denn am nächsten morgen ging es früh um 3 Uhr los zum Krokodile gucken. In stockfinsterer Nacht glitten wir beinahe geräuschlos über den Fluss und bekamen auch tatsächlich einige Kaimane zu Gesicht, die sich zu sehr auf die Jagd konzentriert hatten und dem Taschenlampenlicht zu spät auswichen. Bis zum Mittag liefen uns noch Affen, verrückt bunte Vogelarten, Tarantulas und Schildkröten über den Weg.

Tarantulas können über Wasser laufen!!

Nach dem Mittag ging es dann für 4h zu Fuß in den Wald, wo uns Harry verschiedene Pflanzen und Bäume zeigte und deren natürliche Heilstoffe erklärte. Neben Totenkopf- (Frailes) und großen Schwarzaffen (Monos negros) stießen wir auf Tapir- (Sachabaca) und Wildschweinspuren (Huanganas). Nach einem etwas unheimlichen Bad im sedimentbraunen und piranjahaltigen Wasser, folgten wir im Einbaum den vor Stunden am Rastplatz vorbeigezogenen Flussdelfinen (Bufeo Rosado). In einer Lagune schienen diese auf uns zu warten und wir konnten der Schule von ungefähr 8 rosa Delfinen (+ 2 Jungtiere) beim schwimmen, springen und prusten zuschauen.

zu schnell für die Kamera, rosa Bufeos

Eagle-Eye-Harry

Auf dem Rückweg begneten wir noch einigen Faultieren (Pelejo), die sich in der Dämmerung in den höchsten Baumwimpfeln verkrochen hatten. So stoisch wie die sich bewegten, fragten wir uns wie lange sie wohl gebraucht hatten, um bis ganz hoch in die Baumkrone zu schleichen?! Am Abend gab es wieder frisch gefangenen Fisch und nach einem kurzen Konzertbesuch mussten wir Punkt 18 Uhr vor den einfallenden Stechhorden reißaus nehmen. Am nächsten Morgen traten wir den Rückweg nach Lagunas an. Hätten wir mehr Zeit gehabt, so hätten wir uns wohl für eine 4-5 Tage Tour entschieden, denn je weiter man in den Dschungel vorstößt, um so wahrscheinlicher ist es, dass einem die großen Wilden über den Weg laufen. Obwohl wir auf Tiger, Jaguar, Puma und Anaconda verzichten mussten, hatte sich der Ausflug für uns vollends gelohnt. Entspannte und kumpelhafte Guides mit übernatürlichen Hör- und Sehfähigkeiten brachten uns einmalige und unvergessliche Eindrücke nahe. Absolute Empfehlung!!

Harry beim Fischen

Am Abend unserer Rückkehr aus dem Regenwald machten wir uns gleich auf, um mit der Fähre weiter nach Yurimaguas zu fahren. Am nächsten Tag gegen Mittag erreichten wir den Hafen der kleinen Stadt am Westufer des
Río Marañón , von wo aus uns die Reise über die tropischen Andenhänge bis nach Cajamarca weiterführen sollte. Der Hafen in Yurimaguas war architektonisch dem größeren und bedeutenderen Hafen in Iquitos um Lichtjahre voraus. Ein richtiger Hafen halt, mit Becken, Mole und Kai. Wir waren wieder in Perú!


In Yurimaguas, die letzte große Stadt der peruanischen Regenwaldregion Loreto, hielten wir uns nicht lange auf und es ging gleich weiter nach Tarapoto. Die Hauptstadt der Regenwaldregion St. Martin ist zwar infrastrukturell sehr gut auf den Tourismus vorbereitet, aber es gibt kaum Touristen die das nutzen könnten. Leider saß uns die Zeit im Nacken und wir stürmten gleich nach Chachapoyas weiter, der Hauptstadt des Departements Amazonas, der westlichsten Regenwaldregion Perus. Dort befanden wir uns schon auf gut 2200m Höhe und die tropischen Temperaturen der letzten Tage gehörten der Vergangenheit an. Eigentlich wollte ich noch nach Baguas, welches ungefähr 2h von Chachapoyas entfernt liegt, um Interviews über die schrecklichen Ergeignisse im Juni 2009 (siehe Beitrag zuvor) zu führen. Da meine Kontaktpersonen nicht antworteten, nutzten wir die Zeit, um die Felsenfestung Kuelap zu besuchen.

Haupteingang Kuelap

Kuelap wurde von den Ureinwohnern der Region, den kriegerischen Chachapoya, errichtet. Bis sie als einer der letzten Kulturen von den Inka im Jahr 1470 besiegt wurden, beherrschten sie weite Teile des heutigen Nordperus. Leider gibt es kaum historische Dokumente von oder über diese Kultur, so dass die Festung Kuelap, welche erst im Jahr 2001 für den Tourismus freigegeben wurde, als eine der wenigen Hinterlassenschaften der Chachapoya gilt. Selbst der Name dieser Kultur geht auf die Inka zurück und bedeutet Wolkenmenschen. Erst von den Inkas nahezu kulturell asimiliert, kämpften die Chachapoya später auf den Seiten der Spanier gegen ihre Unterdrücker. Die spanischen Konquistadoren zeigten sich auf ihre Art dankbar, indem sie die Wolkenmenschen wiederum mit Gewalt ihrer Herrschaft unterwarfen und ihre von den Inka verschonten kulturellen Hinterlassenschaften vernichteten.

Wehrmauer von Kuelap

Die Festung selbst ist ca. 600m lang und 100m breit. Auf der Westseite ist sie durch eine 21m hohe Steinmauer, auf der Ostseite durch einen hunderte Meter tiefen Abhang geschützt. Der Eingang ist so schmal, dass man nur einzeln eintreten kann. Eine perfekte Verteidigungskonstruktion, um Eindringlinge erst gar nicht reinzulassen oder wenn sie doch einmal drin waren, gleich Mann für Mann einen Kopf kürzer machen zu können. Das Innere der Festung ist auf verschiedenen Höhenniveaus angelegt, deren Bedeutung laut Archäologen in einer streng hierarchischen Gesellschaftsstrukturierung lag. Die etwa 2000 Bewohner der 300 Häuser in Kuelap waren, so die Vermutung der Wissenschaftler, in sozial voneinander getrennte Gesellschaftsschichten unterteilt. Dabei stellten Priester wohl die gesellschaftliche Elite dar. Der in sich geschlossene Tempel von Kuelap lag an der höchsten Stelle der Festung. Interessant ist außerdem, dass die Chachapoya ihre Toten in den Küchen der Häuser bestatteten, denn dort wurden in Löchern vollständige menschliche Skelette ausgegraben, welche in ritueller Position verharrten.

so könnte es ausgesehen haben, Rekonstruktion eines Hauses in Kuelap

"Wolkenmenschen", Umgebung von Chachapoyas

Den Abschluss der Reise stellte ein Besuch mit Betty bei meiner Gastfamilie in Cajamarca dar. Wir hatten nicht mehr viel Zeit bis zu ihrem Abflug und so beschränkte sich das Programm in Cajamarca auf das Wesentliche und natürlich die Baños del Inca, in denen wir bei heißem Thermalwasser im kalten Cajamarca die Reise ins heiße Amazonien kontrastiv ausklingen ließen.

4 Kommentare:

  1. Haste wunderbar zammgefasst mein Schatz! Aber wer ist Bettina?

    AntwortenLöschen
  2. wow! obwohl ich schisser bin, liest sich das schon aufregend fozzy. die bilder sind mal wieder der hammer! viele grüße!

    AntwortenLöschen
  3. Sauber! Toller Bericht! Und es gab keine Maden unter der Haut?

    AntwortenLöschen
  4. Hättest du mal bei den Moskitos ma ein abgedampft... Die wären so was von weg gewesen.... Schöner Bericht. Komm gut heime.
    ad-

    AntwortenLöschen